Wie Neurobiologie, Konflikte und Veränderungsprozesse zusammenkommen - Interview mit Reinhold Poensgen

Ein Interview mit Reinhold Poensgen, Moderator des Vortrags "Widerstände und Konflikte in Veränderungsprozessen". Er nennt Händel als Beispiel für einen gelungenen Veränderungsprozess, erklärt wie er sich durch Schulmediation für stressfreiere Lernumgebungen engagiert und introduziert neue Erkentnisse auf das Menschliche Konfliktverhalten. 

Wer ist Reinhold Poensgen, wie würden Sie sich beschreiben?
Leidenschaftlicher Moderator, Sparringspartner, Coach, Trainer und Mediator; leitet Veränderungsprozesse auf allen Ebenen – vom Vorstand / Geschäftsführung  und Topmanagement, über Prozessketten bis zu Teams und Mitarbeitern, besonders gerne in Großgruppen.

Als interner und externer Berater habe ich ein vielfältiges Spektrum von Veränderungs-, Strategie- und Prozessoptimierungsprojekte erfolgreich umgesetzt, bin naturverbunden, kritisch, pragmatisch und kreativ.

Was inspiriert Sie?
Die ausgiebige Lektüre einer Sonntagszeitung, rote Kappen, klassische Musik, vor allem von Händel: Mit seinen Oratorien hat er nicht nur wunderbare Musik geschaffen, sondern er konnte sich damit auch neu erschaffen und erfolgreich im damaligen „Musikmarkt“ durchsetzen. Damit ist Händels Geschichte auch ein imponierendes Beispiel für einen gelungenen Veränderungsprozess.

Momente, wenn Menschen sich öffnen und zu sich selbst finden können, egal ob Führungskraft, Manager oder Mitarbeiter.

Die Konzepte von Kurt Lewin, Marshall B. Rosenberg, Edgar Schein, Carl Rogers… u.v.m.

Was bedeutet Change für Sie?
Veränderung und Wachstum sind der natürliche Fluss der Dinge. Wie in der Natur das Wasser den Naturgesetzen folgt und nach unten fließt, haben Veränderungsprozesse auch ihre Regeln und Gesetze. Besonders interessant empfinde ich dabei das Spannungsfeld zwischen einer Steuerung entsprechend den Stufen eines Veränderungsmodells - also dem Versuch, die Regeln und Gesetze zu beschreiben - und dem für uns nicht vorherseh- und planbaren beim Change.

Sie sind Diplomingenieur Elektrotechnik. Was ist Ihre Motivation für den Schul- und Bildungsbereich? Was bringen Sie aus Ihrem technischen Hintergrund mit?
Schule und Bildung sind wichtige Zukunftsthemen in unserem Land, die mich bereits seit längerer Zeit neben meiner beruflichen Tätigkeit interessieren. Unter anderem war ich mehrere Jahre in der Elternbeiratsarbeit tätig. Durch die Erfahrung bei Prozessoptimierungs- und Veränderungsprozessen, habe ich auch hier das ein oder andere „Veränderungsprojekt“ mit meinen Kolleginnen umgesetzt.

Doch die großen Veränderungen im Schul- und Bildungsbereich stehen uns erst noch bevor: Zum einen zwingt uns der demographische Wandel zu Strukturreformen und zum anderen sind wir qualitativ und quantitativ – wie die PISA Ergebnisse leider immer noch zeigen – nicht wettbewerbsfähig. Bei aller Veränderung muss aber das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen und das bedeutet auch, stress- und konfliktfreiere Lernumgebungen zu schaffen.

Dazu kann auch die Schulmediation beitragen, für die ich mich aktuell einsetze. Die Mediationszentral München hat über den Arbeitskreis Schulmediation ein Konzept erstellt, bei dem interessierte Schulen externe Mediation mit ehrenamtlich arbeitenden Mediatoren erhalten. Dieses Angebot ist ergänzend zu den bereits laufenden Programmen zur Konfliktarbeit in den jeweiligen Schulen. Zur Zeit führe ich Gespräche, die Schulmediation nach diesem Konzept in der Region Ingolstadt an interessierten Schulen einzuführen. Gerne sind Mediatoren willkommen, die sich für diese gute Sache einsetzen wollen.

Warum sind Sie interessiert in Konflikt-Coaching und Mediation in Zusammenhang mit Veränderungsprozessen, was macht es fesselnd und lehrreich für Sie?
Mediation und Coaching sind wichtige Hilfsmittel im Umgang mit Konflikten. Dies trifft auf klassische Situationen, wie Nachbarschafts- / Familienstreit und Konflikte zwischen Wirtschaftsunternehmen zu. Es gilt aber auch für Veränderungsprozesse in Organisationen. Der Ausgangspunkt für Veränderungsprojekte sind – bei genauer Betrachtung – nicht selten ungelöste Konflikte. Allein deshalb ist es meines Erachtens sehr hilfreich Mediation und Coaching anwenden zu können. Hierbei steht jedoch die damit verbundene persönliche Haltung statt das reine Methodenwissen im Vordergrund.

Ein wichtiger Aspekt ihres Workshops sind neurobiologische Mechanismen. Die Erkenntnisse des Themas Neurobiologie auf das Konfliktverhalten sind erst seit jüngster Zeit so bekannt und nachgewiesen. Könnten Sie schon ein bisschen mehr über diese neuen Erkenntnisse sagen? Neurowissenschaften, so wie sie von  Manfred Spitzer, Gerald Hüther und Joachim Bauer – um nur drei bekannte Namen zu nennen – vertreten werden, interessieren mich bereits seit längerer Zeit. Besonders beeindruckt haben mich die Erkenntnisse zu Lernprozessen bei Kindern im Kindergarten und Schule. Damit wurde nachgewiesen, was Reformpädagogen bereits im 19. und 20. Jahrhundert gefordert haben. Durch die Forschungsergebnisse konnte auch eine Entideologisierung der Reformer stattfinden und es freut mich, dass beispielsweise Ansätze der Montessori-Pädagogik heute auch in der Regelschule Einzug gefunden haben.

Für diesen Workshop sind im Besonderen die Erkenntnisse auf das menschliche Konfliktverhalten von Belang. Hier ist mittlerweile bekannt und nachgewiesen, warum wir in Konflikte gehen und was Widerstände und Aggressionen auslöst. Weiter werde ich darauf im Workshop eingehen.

Ihr Workshop stellt eine Leitlinie zum Umgang mit Konflikten bei Veränderungsprozessen vor. Was wird Ihre Kernbotschaft sein, was können Teilnehmer erwarten?
Die Teilnehmer erwartet ein Stück Input zu den oben genannten Themen. Mit Beispielen und Ergänzungen durch die Teilnehmer, möchte ich den weiteren Verlauf des Workshop dann möglichst interaktiv gestalten....aber zu viel möchte ich an dieser Stelle noch nicht vorweg nehmen.

Die Kernbotschaft meines Workshops rankt sich um verschiedene Fragestellungen: Wie können Konflikte frühzeitig erkannt werden? Wie unterscheiden sich Konflikte von emotional angespannten und konfliktartigen Phasen im Veränderungsablauf? Wie können in widerstandsgeladenen Situationen Destruktivität und (verbale) Aggression genutzt werden? Wie wird im Veränderungsprozess sichergestellt, dass die Ergebnisse eine hohe Qualität haben und dass der Umsetzungserfolg erreicht wird?

Letztes Jahr waren Sie Teilnehmer an den Berlin Change Days. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich habe letztes Jahr das volle Programm einschließlich der Ganztagesworkshops mitgemacht und war sehr angetan. Highlights waren für mich der Themenmix und der internationale Rahmen der Veranstaltung.

Wenn ich Berlin sage, sagen Sie...
Vielfalt, Lebendigkeit, viele Veränderungen, internationales Großstadtflair, janz dufte Leute, für mich immer eine Reise wert und viel Vorfreude auf die BCDs 2011!

Mehr über Reinhold Poensgen auf LinkedIn.

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